Homilie von P. General, die er bei der Eucharistiefeier zur Eröffnung des Jubiläumsjahres der Heiligen Arnold und Josef am 29. Januar im Collegio del Verbo Divino gehalten hat
Vor 100 Jahren, am Dienstag, dem 28. Januar 1908, um etwa sechs Uhr abends, hat Josef Freinademetz nach fast 30 Jahren ununterbrochenen missionarischen Einsatzes sein Leben im Zentralhaus der SVD in Taikia, Süd-Schandong, China, ausgehaucht. Das Wort „aushauchen” ist ein gutes Wort, um den Tod von Josef Freinademetz zu beschreiben. Er kam ja nach China, um sein Leben für seine lieben Chinesen hinzugeben. Er hat alles auf eine Weise gegeben, dass letzten Endes nichts mehr übrig blieb. Er „atmete” im wörtlichen Sinne „aus” und „löschte sich aus” - wie eine Kerze, die in der Dunkelheit Licht gibt bis zum letzten Ende und am Ende einfach „aushaucht”, verlischt. Aber weit mehr als das Ende eines Lebens war der Tod von Josef Freinademetz das Wahrwerden eines Traumes. 1886, sieben Jahre nach seiner Ankunft in China, schrieb er an seine Familie in Val Badia: „Ich liebe China und die Chinesen, und ich würde tausend Tode für sie sterben”. Sechs Jahre später, 1892, schreibt er wiederum: „Was mich betrifft, ich liebe meine teuren Chinesen und habe keinen anderen Wunsch, als unter ihnen zu leben und zu sterben”. So war an jenem Abend des 28. Januar 1908 das Leben von Josef Freinademetz als Missionar nicht zu Ende gegangen, sondern es hatte sich erfüllt.
„Tausend Tode sterben” ist wirklich eine passende Beschreibung des Lebens von Josef Freinademetz als Missionar in China. Von dem Zeitpunkt an, als er 1879 China erreichte, hat Josef sich nicht geschont und hat die Frohbotschaft seinen teuren Chinesen gepredigt - bis hinaus in die entlegensten Dörfer. Er musste viel ertragen, aber er ist nicht ein einziges Mal etwas Leidvollem oder einem Opfer ausgewichen - nicht den langen Reisen, dem Widerstand gegen seine Predigt, der Feindseligkeit der Nicht-Gläubigen, den Verfolgungen, den Überfällen von Banditen oder den Todesdrohungen. 1884 schrieb er seinen Eltern und sagte: „Viele Male war ich in Todesgefahr, wenn die Heiden sich verschworen, mich umzubringen, aber der Herr hat mich bis jetzt immer beschützt”. Wiederum schrieb er 1888: „Diese Dörfer sind sehr gefährlich; zu gewissen Zeiten des Jahres ist es fast unmöglich dorthin zu gehen, denn Reisende werden von Banditen überfallen, ausgeraubt oder sogar umgebracht”. Ein Jahr später, 1889, erzählt er den gut bekannten Zwischenfall, als er versuchte, einen armen Chinesen zu retten, der von einem Mandarin bestraft wurde, weil er zugestimmt hatte, sich taufen zu lassen. Dafür wurde Josef niedergeschlagen, gefesselt und auf den Boden geworfen, die Strasse entlang geschleift und halb tot liegen gelassen. So, bereits vor seinem Tod an jenem Abend des 28. Januar 1908, war Josef schon tausend Tode für die Frohbotschaft und seine lieben Chinesen gestorben.
Mehr noch als die äußeren Leiden bedrängte ihn die innere Umwandlung, die er von der Zeit an zu erringen suchte, da er China erreichte. Von Europa in Hong Kong angekommen, verschwendete Josef keine Zeit, sondern widmete sich unmittelbar dem Erlernen der chinesischen Sprache und machte den Versuch, sich äußerlich zu verwandeln, um das Aussehen eines Chinesen anzunehmen.
In der Tat, Josef wurde mit Leichtigkeit ein Chinese - äußerlich. Er nahm den Namen „Fu Schenfu” an. Sein rotblondes Haar ließ er sich bis auf ein Büschel am Hinterkopf abscheren, an das ein schwarzer Zopf angeflochten wurde. Den schwarzen Talar aus Europa vertauschte er mit einer blauen chinesischen Amtstracht. Schuhe aus gewebtem Stoff ersetzten seine ledernen. Aber seine Sicht der Dinge blieb europäisch, tirolerisch. Nach zwei Jahren in Hong Kong schrieb er: „China ist sicherlich und wahrlich das Reich des Teufels. Du kannst kaum zehn Schritte gehen, ohne dass du auf alle Arten von höllischen Bildern und jedwede Teufelei triffst!”. Dann wiederum: „Der chinesische Charakter hat wenig an sich, das wir Europäer anziehend finden ... Der Schöpfer hat die Chinesen nicht mit denselben Eigenschafen ausgestattet wie die Europäer ... Die Chinesen sind höherer Eingebungen unfähig.”
Chinesische Kleidung machte aus Josef Freinademetz keinen neuen Menschen. Er erkannte das und wurde gewahr, was zu tun war. Er sagte: „Die Hauptarbeit ist noch geblieben: Die Umwandlung des inneren Menschen - das Studium des chinesischen Denkens, chinesischer Sitten und Gebräuche, der chinesischen Charakteranlage und Gemütsart. All das kann nicht in einem Tag geleistet werden, nicht einmal in einem Jahr, und auch nicht ohne schmerzliche Operation.” Mit diesen Worten zeichnete Josef seinen Lebensplan, hatte ihn aber noch umgesetzt.
Er begann, sich von seinem verengten Denken zu befreien und wurde ein begnadeter Missionar. So konnte er zwölf Jahre später erklären: „Ich bin jetzt mehr Chinese als Tiroler, und ich möchte auch im Himmel ein Chinese bleiben”. So sagte Josef des öfteren: „Die größte Aufgabe eines Missionars ist die Verwandlung seines inneren Selbst.” Diese innere Verwandlung zog offensichtlich einen inneren Tod mit sich - d. h. den Tod der alten Person, des Tirolers, so dass eine neue Person, der Chinese, geboren werden konnte.
So kann die missionarische Spiritualität Josefs als eine Spiritualität des Kreuzes beschrieben werden. Deshalb zeigt ihn das Bild, welches anlässlich seiner Heiligsprechung vor vier Jahren in Rom gemalt wurde, wie er das Kreuz in seinen Händen festhält und es an seine Brust drückt. 1888 schreibt er an seine Eltern: „Für uns Missionare mangelt es nicht an Kreuzen. Ich könnte ein ganzes Buch schreiben und alle die Verleumdungen aufzählen, welche die Heiden auf uns häufen ... aber durch die Gnade Gottes sind wir jetzt schon daran gewöhnt, das Kreuz zu tragen; das Kreuz ist das tägliche Brot des Missionars.” Zu den Katechisten, die von ihm in Tsining unterrichtet wurden (1893/94), sagte er: „Es gibt einen Weg, auf dem alle gehen müssen, wenn sie Heilige werden wollen. Ich meine die Betrachtung des bitteren Leidens unseres Herrn Jesus.”
Deshalb hatte Josef begriffen, dass die Missionsarbeit entlang des Leidensweges Christi geschehen muss. Er schrieb: „Die gesamte Leidensgeschichte wiederholt sich im Leben und in der Geschichte der Kirche ... Die Kirche hier muss eine Karwoche durchqueren, im Ölgarten Blut schwitzen und am Kreuz sterben. Sie muss ständig ringen und kämpfen, arbeiten und leiden, dulden und bluten. Blutiges und unblutiges Martyrium ist ihr bleibendes Wesensmerkmal.” Josef begriff, dass Mission eine Teilhabe am Kreuz Jesu ist, eine Selbsthingabe an die Menschen, ein Verströmen des eigenen Lebens für die Frohbotschaft Christi. Alles das aber nicht als ein Opfer, sondern als ein Privileg, eine Ehre, ein Geschenk von Gott.
Kurz nachdem er von Arnold Janssen in das Missionshaus in Steyl aufgenommen worden war, schrieb Josef an seine Eltern (1878): „Gott sei Dank ... dass der Herr uns die Gnade gewährt hat, einen Missionar in unserer Familie zu haben. Ich wiederhole, was ich schon früher einmal gesagt habe: Ich betrachte das nicht als ein Opfer, das ich Gott darbringe, sondern als das größte Geschenk, das Gott mir gibt.” 1880 schrieb er aus China: „Ein Missionar zu sein, ist eine Ehre, die ich nicht mit der goldenen Krone des Kaisers von Österreich eintauschen würde.” Dann wiederum schrieb er 1884: „Ich kann dem Herrn nicht genug dafür danken, dass er mich zu einem Missionar in China gemacht hat.” 1887 sagte er: „Wenn ich an die unzähligen Gnaden denke, die ich empfangen habe und die ich weiterhin bis jetzt von Gott empfange ... gestehe ich, dass ich weinen könnte. Die schönste Berufung der Welt ist es, ein Missionar zu sein.”
Also, an jenem Abend des 28. Januar 1908, als Josef Freinademetz sein Leben aushauchte, wurde sein Leben als Missionar nicht ausgelöscht oder beendet. Vielmehr wurde es zur Vollendung gebracht. Ohne Zweifel kann über Josef Freinademetz gesagt werden: „Kostbar ist das Leben im Einsatz für die Mission”. Sein Tod an jenem Abend des 28. Januar 1908 war nur der letzte Akt eines Lebens, das er vollends der Mission gegeben hatte.
Liebe Mitbrüder und Schwestern! „Kostbar ist das Leben im Einsatz für die Mission”, das ist das Thema der Jubiläumsfeier, die durch ein ganzes Jahr hindurch dauern soll, um den 100. Todestag unserer beiden Heiligen zu begehen - den von Arnold Janssen, unserem Stifter, und den von Josef Freinademetz, dem einen der zwei ersten Missionare unserer Kongregation. Das Jubiläumsjahr beginnt heute, am 100. Todestag des hl. Josef, und schließt am 15. Januar nächsten Jahres, dem 100. Todestag des hl. Arnold. Das Thema, das wir für diese Jubiläumsfeier ausgewählt haben, entspringt dem Leben dieser zwei Heiligen - zwei Leben, ganz der Mission verpflichtet.
Mit diesem Jubiläumsjahr möchten wir unser eigenes missionarisches Engagement gemäß der Inspiration unserer beiden Heiligen erneuern. Wie sie, möchten wir unsere Mission als Teilhabe am Kreuz Jesu leben, als Selbsthingabe an die Menschen, als ein Verströmen unseres Lebens für die Frohbotschaft Christi. Das alles aber nicht als ein Opfer, sondern als Privileg, als Ehre, als Geschenk von Gott. Mission ist Selbsthingabe, oder sie ist überhaupt keine Mission. Sie ist Lebenshingabe für die Frohbotschaft Christi, oder sie ist überhaupt keine Mission. In der Tat, kostbar ist das Leben im Einsatz für die Mission.
Bei der Eingangstür zum Zimmer in dem kleinen Haus in Taikia, Süd-Schandong, China, wo der hl. Josef mit nur 56 Jahren gestorben ist, kann man noch immer zwei Marmortafeln finden, die an seinen Tod erinnern. Auf einer ist die Inschrift in Latein, auf der anderen in Chinesisch. Sie heißt: „Hier, in diesem kleinen Zimmer, hat der Diener Gottes, P. Josef Freinademetz, ein unermüdlicher Prediger des Evangeliums, hervorragend in Worten und Taten, seine Seele nach dem Empfang der letzten Sakramente Gott zurückgegeben - 28. Januar 1908.” “Infatigabilis Evangelii praeco, verbo et opere clarus”!
Liebe Mitbrüder und Schwestern, wir wollen heute darum beten, dass wir als jüngere Schwestern und Brüder des hl. Josef in der selben missionarischen Ordensfamilie in seine Fußstapfen treten und wahrhaftig “infatigabiles Evangelii praecones, verbo et opere clari” seien - „unermüdliche Prediger des Evangeliums, hervorragend in Worten und Taten”.
Predigt von Provinzial P. Franz Pilz anlässlich der Eucharistiefeier in St. Gabriel zum 100. Todestag des Heiligen Josef Freinademetz am 29. Jänner 2008
Wir haben in den letzten Tagen viel über Josef Freinademetz gehört, beim Familienfest in St. Koloman auch einige seiner eigenen Aussprüche. Ich möchte mich jetzt über das heutige Evangelium einigen wichtigen Punkten annähern. Jesus sandte seine Jünger aus, um den Frieden in die Häuser und Wohnungen zu bringen.
Ich habe bei Freinademetz nichts gefunden, wo berichtet wird, dass er auch so die Häuser betreten hat. Aber vom Charakter her war er ein Mann des Friedens, der keinem etwas zu Leide tun konnte. Es tat ihm selber weh, wenn er einem anderen die Wahrheit sagen musste und ihm damit weh tat. In seiner Art war er ein Mensch, der von vielen sehr geschätzt wurde. Als Provinzial musste er jährlich einen Bericht nach Steyl schicken und die Charakteristik seiner Mitbrüder und der Steyler Schwestern charakterisiert ihn selber. Sr. Alberta, eine der ersten Steyler Schwestern in China, beschreibt ihn: „Er ist ein Heiliger! Sein Beten, sein Reden, seine Geduld, seine Güte, seine Sammlung und sein tugendhaftes Benehmen in allem: das ist doch nichts anderes als heilig sein. ...Man fühlte sich bei Pater Freinademetz gar nicht eingeengt. Ein gewisses Etwas ging von ihm aus, und doch war er ganz Mensch. Ja, das war ein Heiliger, der mir gefiel, der nichts Absonderliches an sich hatte und doch vieles andere und zu jeder Zeit, was recht war und nachahmenswert.“ Seine Überzeugung ist: missionarisch sein heißt: sich nicht irgendwie, sondern sich ganz einsetzen für die apostolische Aufgabe, den Dienst am Heil des Menschen. Dazu gehört das Gebet, die Gottesnähe, die Beachtung der Vorschriften, ununterbrochene Arbeit. Er urteilt nüchtern und realistisch. Ist bereit sein Urteil zu ändern und gibt immer der Hoffnung Raum, wenn es bei einem Mitbruder nicht so klappt, wie er es sich vorstellt.
„Heilt die Kranken und sagt den Leuten: das Reich Gottes ist euch nahe“ Für die Form des Missionierens in China hatten sie ein Handbuch: das "Manuale Missionariorum". Es wird berichtet, dass er bemüht war, dieses zu verbessern. Ich möchte einige Punkte erwähnen, damit uns deutlicher wird, wie das Missionieren ausgesehen haben mag – neben dem Schwerpunkt der Sakramentenspendung: - Förderung und Druck von volkstümlichen Kirchenliedern - gründlichere Schulung der Katechisten, denn diese waren ihm ganz wichtig. Gut gebildete Leiter der kleinen Gemeinden waren notwendig, da der Priester nur selten zu ihnen kam. - Missionare als Doktoren werden abgelehnt, dafür der Bau eines Krankenhauses empfohlen - klare Rechnungsablage und Sparsamkeit der einzelnen - Aufforstung von baumlosen Bergen, - möglichste Anpassung an den chinesischen Baustil Ich denke, da kommen unsere charakteristischen Dimensionen schon vor und wir können auch einiges mitnehmen. Wir können uns selber fragen: wie geht es uns bei der Seelsorge: bilden wir uns zeitgemäß weiter? Können wir Zuhören oder geben wir gleich Ratschläge? Fachliche Qualifikation ist in jedem Bereich gefragt wo einer arbeitet, ob Bruder oder Pater. Wie gehen wir mit der Schöpfung um? Wir hatten ja kürzlich die Diskussionen um den ökologischen Fussabdruck – wie groß ist unser CO2 Verbrauch bei Wohnung, Nahrung, Reisen und Lebensstil? Neben der fachlichen Qualifikation ist die geistliche Vertiefung von großer Bedeutung – das Innehalten und Auftanken. Exerzitien und Weiterbildung waren ihm wichtig. Deswegen hat er in Taikia ein Exerzitienhaus erbauen lassen. Das relativiert auch wieder seine Forderung nach ununterbrochener Arbeit. Die Mitbrüder waren eingeladen dorthin zu kommen, zu Exerzitien, zur Weiterbildung, zum Ausspannen – einen Monat lang. Ein Mitbruder berichtet: „Die jährliche Zusammenkunft in Taikia hilft sehr dazu, einen religiösen Geist und eine ernstere Auffassung des Berufes großzuziehen“. Beim „Familienfest 2008“, bei dem sich die Steyler Missionare und die Steyler Missionsschwestern treffen, hielt P. Josef Salmen die Predigt des Festgottesdienstes.
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| Tauchner SVD |
| P. Josef Salmen SVD |
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Wir feiern den hl. Josef Freinademetz – heute schon – als unser Familienfest. Seine herzliche Menschlichkeit hat weltweit soviel Zustimmung gefunden, dass wir ihn zwar nicht imitieren brauchen, aber uns von ihm in wichtigen Haltungen anregen lassen. Josef Freinademetz war ein Mensch, der Priester und dann Ordensmann und Missionar wurde, weil er eine Vision hatte und ein Ziel ganz klar vor sich sah: den Menschen die Liebe Gottes erfahrbar zu machen, die in Jesus Christus leibhaft erschienen ist. Diesem Ziel konnte er alles andere unterordnen. Das machte ihn beweglich und fähig, Vertrautes und Liebgewordenes loszulassen und für Neues, auch für ganz Ungewohntes, offen zu sein. Das nahm ihm auch die Angst, auf Fremdes, auf fremde Menschen, zuzugehen. Die wohlwollende Liebe machte ihn fähig, eine ganz andere Welt anzunehmen und in ihr heimisch zu werden.
Er kam auch, wie fast alle, mit Vorurteilen nach China. Aber er konnte lernen. Später rühmte man sein Geschick und Gespür, auf Visitationen etwa, schnell herauszufinden, was wirklich geschieht und was nicht und wo der Schuh drückt. Und er erträgt es nicht, wenn man über die Chinesen Ungutes sagt. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Er kann mit Takt und Fingerspitzengefühl Entgleisungen richten, auch mit großem Ernst zurechtweisen, wenn es unumgänglich ist. Aber der Betroffene spürt das Bekümmerte und erfährt, wie sehr noch die Mahnung vom Wohlwollen lebt. Und Freinademetz kann immer wieder Mut machen.
Er war nicht berühmt. Neben Bischof Anzer war er der ständige zweite Mann, der Mann im Schatten. Aber auf der Höhe des Kolonialismus und der weißen Überheblichkeit wollte er den Chinesen ein Chinese sein. Als nach dem Tod Anzers ein neuer Bischof gesucht wurde, wäre Freinademetz der gegebene Nachfolger gewesen. Er wurde es nicht. Weil er kein Deutscher war, lehnte ihn die deutsche Regierung als Nachfolger ab. Augustinus Henninghaus wurde Bischof. Das hat Freinademetz geschmerzt, nicht weil er nach einer Mitra gierte, erst recht nicht, weil er etwas gegen Henninghaus hatte, den er schätzte und förderte. Aber das solche europäisch nationalen und kolonialen Gesichtspunkte für den missionarischen Einsatz in China entscheidend wurden, war ihm unerträglich.
In seinem missionarischen Bemühen bricht etwas von der schöpferischen Liebe Gottes auf, die uns in Jesus Christus sichtbar wurde und durch den Geist in uns leben will: Gottes schöpferische Liebe, die nicht annimmt und liebt, weil etwas gesund, stark, gut und schön ist, sondern die fähig ist, auch das Schwache, Kranke, Hässliche und Bekümmerte zu lieben, damit es gut, gesund, stark und schön werde. Josef Freinademetz lässt uns erfahren, dass wir gerade in unserer missionarischen Aufgabe und Verpflichtung, gerade da, wo uns daran liegt, Gottes Frohe Botschaft nahezubringen, Mensch sein dürfen, wirklich und ganz Mensch.
Ich denke, da ist auch die Brücke zu uns Heutigen. Dankbar freuen wir uns über unser Miteinander und über alle herzliche Geschwisterlichkeit, die wir empfangen und schenken. Aber es sollte uns nicht entgehen: Wir finden uns in einer merkwürdigen Situation. Unsere Welt, selbst unsere alltägliche Lebenswelt, wird uns fremd, aber nicht ganz. Manches unserer nächsten Umgebung bleibt uns vertraut, so dass wir uns der wachsenden Fremdheit verschließen und auch die Erosion fester Strukturen und Institutionen missverstehen oder ganz übersehen können. Wir haben oft Antworten auf Fragen, die nicht mehr gestellt werden und leiten menschliche Sehnsüchte in fremd gewordene Hoffnungsbereiche.
Josef Freinademetz konnte in seiner Menschlichkeit Menschen erreichen und in seiner Rückbindung an Gott als dem einzigen festen Ziel alles Vorläufige verwandeln, selbst aber auf Gottes Liebe hin durchsichtig sein. Dafür dürfen wir ihm danken.
Der dreifaltige Gott und unsere MissionPredigt von Rektor, P. Elmar Pitterle SVD, am Fest des Hl. Arnold Janssen in St. Gabriel
Im Südbau unseres Hauses sind acht Fotos von Arnold Janssen ausgestellt: Das erste zeigt ihn als Neupriester. Weitere Stationen seines Lebens folgen. Das scharf geschnittene Profil, die markante Nase, der selbstbewusste Blick lassen auf Durchsetzungsvermögen und Entschlossenheit schließen. „Ein Dickkopf, mehr als sparsam, aber mit großem Opfergeist“, sagen die Großnichten und -neffen. „Stur wie ein Büffel“ habe er sein Ziel verfolgt, sagt der Festredner beim Festakt zur Heiligsprechung in Janssens Heimatstadt Goch.
Als er noch Mathematiklehrer war, genoss er nicht viele Sympathien unter Lehrern und Schülern, der „kleine Herr Janssen“ wie er wegen seiner geringen Körpergröße genannt wurde. Er war pedantisch. Trocken. Er war kein besonders gütiger Priester, kein guter Redner. Aber er war ein großer Beter, ein harter Arbeiter und ein klarer Denker. Er war ein gottsuchender Mensch, der tat, was ihm notwendig schien, den Menschen auf der ganzen Welt das Evangelium nahe zu bringen.
Wenn man über ihn liest, dann wird ganz deutlich, dass er ein Mensch mit einem ungeheuren, mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen ist, der mit beiden Beinen auf der Erde steht, aber ganz offen ist für die göttliche Vorsehung. Er ist kein weltfremder Träumer. Er ist ein Mann, der die Zeichen der Zeit erkennt und entziffert.
Inmitten einer politisch und kirchlichen äußerst schwierigen Situation tut Arnold Janssen einen Schritt, worüber viele nur den Kopf schütteln können: er gründet ein Missionshaus, wo Missionare ausgebildet werden sollen für Übersee. Er denkt in erster Linie an China.
Weil er nach langem Suchen erkennt, dass es Gottes Wille ist, geht er seinen Weg unbeirrt, trotz größter Schwierigkeiten und harter Rückschläge. Viele meinen, er sei nicht der richtige Mann für eine solche Aufgabe. Er wird von manchen mitleidig belächelt. Für nicht wenige ist ein Scheitern seiner Pläne gleichsam vorprogrammiert.
Ein Bischof sagte zu ihm die nicht gerade ermutigenden Worte: „Alles bricht zusammen und da wollen sie etwas Neues anfangen?“. „Der Herr fordert unseren Glauben heraus, etwas Neues zu verwirklichen, gerade weil so vieles innerhalb der Kirche zusammenbricht“, lautet die Antwort von Arnold Janssen.
Weil Arnold Janssen nicht sich selbst sucht, weil er nicht seine eigenen Ideen durchdrücken will, sondern einzig und allein Gottes Willen sucht, sieht man bald, dass die Saat aufgeht.
99 Jahre sind seit dem Tode des Stifters vergangen. Die Gesellschaft hat Höhen und Tiefen erlebt. Über 10.000 Mitglieder der Steyler Familie sind heute in über 60 Ländern der Welt im Einsatz, im Einsatz für Gottes Reich. Viel hat sich gewandelt seit Arnold Janssens Zeiten. Die politische, wirtschaftliche und religiöse Situation ist heute eine andere. Wir evangelisieren heute in einem anderen Kontext.
Das Missionsverständnis hat sich gewandelt: es geht nicht mehr darum, Missionare auszusenden, um die Seelen vor dem Höllenfeuer zu retten. Das 2. Vatikanische Konzil hat ein neues Missionsverständnis entfaltet. Heute wertet man auch die Religionen neu und sieht sie als Wege zu Gott, zu dem Gott, der alle Menschen retten will. Das gibt bei allem Ernst eine gewisse Gelassenheit. Die Mission ist in erster Linie Werk Gottes. Es gilt den Akzent auf sein Tun zu legen und doch mit Feuereifer bei der Sache zu sein. „Wenn wir alles tun, was in unseren Kräften steht, dann tut Gott das übrige“ (Arnold Janssen).
Was hat uns denn der Heilige Arnold Janssen, eine der großen Missionsgestalten des 19. Jahrhunderts heute zu sagen? Was ist sein Vermächtnis? Bei Arnold Janssen steht die Dreifaltigkeit im Zentrum seiner Spiritualität. Das ist ganz auffällig. „Es lebe der eine und dreieinige Gott in den Herzen der Menschen“ ist eines seiner Lieblingsgebete. „Ein Denken, das von der Dreifaltigkeit ausgeht, kann nur zu einer Leidenschaft für die anderen und zu einem Sein mit den anderen führen“, formuliert es der frühere Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, auf Arnold Janssen Bezug nehmend.
Dreifaltigkeit bedeutet: Gott ist ein WIR, Gott ist Familie, permanenter Dialog und totale Kommunikation. Gott will uns an seiner Lebens- und Liebesgemeinschaft teilhaben lassen. Wer an die Dreifaltigkeit glaubt, glaubt an die Liebe. Ich bin von Gott unbedingt angenommen und zutiefst geliebt. „Missionare sind Gesandte der göttlichen Liebe“ (A. Janssen). Eine weitere Säule seiner Spiritualität ist die Heilig Geist Verehrung.
„Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist“, heißt es bei Paulus. Wir werden vom Geist, den wir in uns haben dazu gedrängt, auf andere zuzugehen. Es gilt auf den Geist in Gemeinschaft zu hören. Der Geist Gottes weht auch heute noch. Und er weht, wo er will. Der Geist ist immer für Überraschungen gut. Er wirkt nicht nur in der Kirche, sondern auch außerhalb von ihr. Wir können ihn nicht einsperren oder vor unseren Karren spannen.
Wenn wir uns vom Geist leiten lassen, werden wir nicht die Behaglichkeit und Bequemlichkeit suchen, sondern uns immer wieder neu auf den Weg machen. Der Geist drängt dazu, aufzubrechen. Wenn wir an Gottes Geist glauben, werden wir nicht in dumpfe Resignation verfallen, ob der schwindenden Zahl unserer Mitglieder. Denn die Resignation und die Angst vor der Zukunft bewirken Lähmungserscheinungen. Wir werden aber auch nicht in eine falsche Euphorie verfallen. Sie ist fehl am Platz. Es gilt auf dem Boden zu bleiben.
Wir werden die Augen des Herzens öffnen, und sehen, wo Gott heute am Werk ist, wo die Menschen in dieser komplexen Welt in besonderer Weise unsere Hilfe und Zuwendung brauchen. Es gibt Menschen, die bleiben auf der Strecke, es gibt welche, denen steht das Wasser bis zum Hals. Es gibt so viele Heimatlose und solche, die an der zwischenmenschlichen Kälte leiden.
Arnold Janssen heute verehren heißt, Gottes Wort in der Bibel und in der Realität mit wachem Herzen zu lesen und sich betreffen zu lassen und das als Gemeinschaft. Immer muss es uns als missionarischer Gemeinschaft darum gehen, „uns von der Leidenschaft Gottes für diese Welt berühren zu lassen“. Dieser markante Satz des Missionswissenschaftlers Arnd Bünker aus Münster bringt es auf den Punkt.
Gott hat eine Schwäche für die Armen, für die Menschen am Rande. Es geht darum, sich in den Dienst der Leidenschaft Gottes zu stellen. Eine Kirche ohne klare Option für die Armen ist nicht missionarische Kirche.
Möge Gott durch die Fürsprache des heiligen Arnold Janssen in uns den Traum wach halten von einer neuen, menschlicheren und göttlicheren Welt, wo Gott Raum gegeben wird und wo die Menschen, von Gottes Geist inspiriert, ein neues Miteinander suchen.
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